Portrait: Die 'Performance-Künstlerin Signa Köstler

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Von: Tobias Schwartz

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Das Performance-Kollektiv SIGNA erstellt interaktive Parallelwelt-Installationen. Im „Club Inferno“ werden die Besucher jetzt zum Dichter Dante im Höllenreich

Dies ist kein Theater für Zuschauer, die das Bühnengeschehen am liebsten aus der siche­ren Entfernung des Parketts verfolgen. Es ist aber auch kein bloßes Mitmachthea­ter. Was die dänische Performance-Künstlerin Signa Köstler und die nach ihr benannte Gruppe SIGNA in ihren Teilnahme einfordernden Performances bewerkstelligen, sind eindrückliche Erfahrungsexperimente. Meine erste Begegnung mit SIGNA werde ich nie vergessen.

Ich besuchte ihre Performance „Dorine Chaikin Institute“, die 2007 im Rahmen des Nordwind-Festivals im Ballhaus Ost gastierte. Im Foyer des „Institute“ eröffnet man mir, dass meine Familie mich habe einweisen lassen. Schon früher sei ich hier stationär untergebracht gewesen, ich könne mich nur nicht erinnern. Mit Geduld und Nachsicht begegnen weißgekleidete Ärzte und Pflegerinnen meinem Wahn – der darin bestehe, dass ich partout davon überzeugt bin, ich würde Tobias Schwartz heißen und eine Theaterinstallation besuchen. Stattdessen befinde ich mich in einer psychiatrischen Einrichtung, deren Inventar aus den 40er-Jahren zu stammen scheint. Meine Diagnose: Amnesie.

Ich bekomme meine Kleidung gegen ein Nachthemd eingewechselt, finde Anschluss an andere Patienten – Jay vor allem, einen schizophrenen Österreicher – und absolviere verschiedene Therapieformen. Eine ist ein Pferdemalwettbewerb. Statt eines Pferdes male ich einen Hahn. Die englische Übersetzung (im Institut spricht man Englisch) kommt mir nicht in den Sinn. Dafür den Ärzten. Und so mache ich Bekanntschaft mit Signa alias Dorine Chaikin, der Institutsleiterin, die nun intensive Einzelgespräche mit mir führt. Sie verrät mir auch meinen „wirklichen“ Namen und wahren Beruf: Kosmetikverkäufer.

Dass die Therapie geglückt ist, kann ich nicht sagen. Ich glaube nach wie vor fest daran, dass ich Autor bin und für dieses Stadtmagazin schreibe. Aber wer hat schon den kompletten Überblick über all die Ichs, die in einem schlummern? Ein irritierendes Theater, das nicht nur mich, sondern auch viele meiner Kollegen begeisterte, die zitty-Kritiker wählten es 2007 zur Aufführung des Jahres.

Nun zeigen SIGNA wieder eine Theater­installation, ihre erste in Berlin uraufgeführte. Dazu treffe ich Signa (der Name wird übrigens „Sina“ ausgesprochen) in ­einer Shisha-Bar in Wedding wieder. Inzwischen hat sie den österreichischen Medien- und Performance-Künstler Arthur Köstler geheiratet – meinen damaligen Mitpatienten Jay. Zusammen mit dem schwedischen Architekten und Bühnenbildner Thomas Bo Nilsson bilden sie das Künstlerkollektiv.

In unmittelbarer Nähe unseres Treffpunkts entsteht an einem geheimen Ort der „Club Inferno“, eine weitere interaktive SIGNA-Installation, die die Grenzen zwischen Realität und Fiktion aufhebt. Der Besucher wird hier als Dichter Dante in die verschiedenen Kreise der Hölle hinuntersteigen. Allerdings nicht ganz wie in der „Göttlichen Komödie“ beschrieben. Der Trip startet am Rosa-Luxemburg-Platz im Pavillon an der Volksbühne und endet (am gleichen oder wahlweise einem anderen Tag) in dem Luxuscasino „Club Inferno“, das Vorbildern aus Las Vegas nachempfunden ist – einer Spiel-Hölle. Viel mehr wird nicht verraten.

Signa, erstmals erlebe ich sie nicht als Kunstfigur, zeigt sich privat ganz ungeküns­telt. Der konzeptuelle Kopf des Kollektivs redet in einwandfreiem Deutsch und ist ziemlich erschöpft von den harten „Club-Inferno“-Proben. „Wir arbeiten dieses Mal mit mehr gelerntem Text als sonst“, sagt sie. „Wieder gibt es eine dichte Rahmengeschichte und die Abläufe werden von den Schauspielern improvisatorisch gemeistert. Ich kann nicht hinter jedem der 45 Mitspieler stehen und sagen, was er tun soll.“ Und wenn etwas schief geht? „Es gibt Werkzeuge, mit Situationen umzugehen, die der Zuschauer nicht bemerkt“, sagt sie. Und die sie natürlich nicht verrät. Ist es nicht wahnsinnig anstrengend für die Schauspieler, durchweg über Stunden und so hautnah mit dem Zuschauer in der ­Rolle zu bleiben? „Ja, wir fordern strenge Disziplin, und es braucht viel Vertrauen.“

2008 war SIGNA zuletzt in Berlin zu erleben, in der spektakulären, zum Theatertreffen geladenen Installation „Die Erscheinungen der Martha Rubin“. In der ehemaligen Lokhalle auf dem Schöneberger Südgelände war ein ganzes Dorf aufgebaut, militärisches Sperrgebiet, zu dem man nur mit einem speziellen Ausweis Zutritt erhielt. Über allem thronte Signa als Orakel Martha Rubin. Als Besucher konnte man sich zu ihr gesellen und vor ihr kniend ­etwas über ihr Mysterium erfahren. In „Ruby Town“ konnte man aber auch Peep-Shows besuchen, an Hochzeiten teilnehmen oder sich in Intrigen der sektenhaften Dorfbevölkerung verstricken.

Ganze Tage und Nächte verlebte man hier. Mit Computerspiel-Welten wie Second Life hatte das aber nichts zu tun, genauso wenig mit klassischen Rollenspielen. Auch im „Club Inferno“ geht es nicht um Eskapismus oder Weltersatz. Das wäre zu kurz gedacht. Die Besucher bleiben die Persönlichkeiten, die sie sind, mit allen Schwächen und Stärken. Zwar ist alles Thea­ter, aber die Nähe und die eigene Teilnahme am Geschehen ermöglichen eine viel intensivere, die eigene Wahrnehmung verändernde Erfahrung. Inhaberin des Inferno-Clubs ist nun eine mysteriöse Dame namens Beatrice Godeux. Nach ihrem Tod verwandelt ihr ödipaler Sohn Herbert ihn in einen Ort des Spiels zwischen Angestellten und Kunden – den Besuchern. In dieser Paral­lelwelt soll es nun Abend für Abend open end um Leben und Tod gehen.

„Ich habe anfangs keine Sekunde gedacht, dass es Theater ist, was ich mache“, sagt ­Signa. Studiert hatte sie ursprünglich Kunstgeschichte. „Ich war eine sehr mittelmäßige Akademikerin“, gesteht sie, „ich wollte Kunst machen. Aber nicht, ohne selbst Teil davon zu sein, denn Konfrontation und Dialog sind mir wichtig.“

Die Inspiration zu ihren Installationen stammt aus einer Zeit, in der sie in Striplokalen als Champagner-Girl und Private Dancer arbeitete. „Es ging in diesen Clubs, die ja halbfiktionale Orte sind, um inszenierte Intimität. Das war meine Schule.“
Im realen Leben ist Signa Köstler ganz anders, als man vielleicht denkt: „Ich bin nicht so der extrovertierte Mensch“, sagt sie. „Ich bin einfach Hausfrau.“ Wie bitte? „Wirklich! Zu Hause ist das so!“ Zu Hause, das heißt in Kopenhagen, wo Signa mit ihrem Mann Arthur, dessen Tochter und ihrem Sohn im Penthouse eines heruntergekommenen Plattenbaus lebt. Mit Aussicht bis nach Schweden, wo es Trend geworden ist, ihr Konzept nachzuahmen. In Deutschland ist es – noch – einzigartig. Und der „Club Inferno“ endlich die erste Berliner Produktion von SIGNA. Die Chefin selbst wird im 8. Höllenkreis der „Göttlichen Komödie“ zu finden sein.

 
   
 
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